Gefahrguteinsatz: Reizgasaustritt in Schulzentrum - 95 Verletzte (28.02.2013)
Einsatzstichwort: Gefahrguteinsatz - Austritt einer unbekannten Substanz
Einsatzort: Liebigstraße, Holzminden
Funkkreise: Gefahrgut, erhöht auf Vollalarm (wie Feuer 3) um 11:07 Uhr
Fahrzeuge: KdoW, ELW 2, TLF 24/50 m. PLA 250, RW 2, MTW, WLF (Bauhof) m. AB-Gefahrgut, WLF m. AB-Sondergeräte, LF 16-TS, LF 20/16, HLF 20/16, DLK 23/12, TSF, SW 1000, MTW
Eingesetzte Kräfte: 72 (nur Ortsfeuerwehr Holzminden; insgesamt ca. 230 Personen)
Alarmzeit: 10:31 Uhr
Bericht:
Akute Atemwegsreizungen und Luftnot bei zahlreichen Schülern wie auch Lehrkräften führten zu einem großen Gefahrguteinsatz im Schulzentrum Liebigstraße in Holzminden, der mehr als sieben Stunden dauerte. In dem Gebäudekomplex sind eine Real-, eine Haupt- sowie eine Förderschule untergebracht.
Gegen halb zehn hatten mehrere Schüler übereinstimmend über Brennen in Hals und Augen sowie Atemnot geklagt. Die Erkundung des Lehrpersonals bestätigte den Verdacht des Austritts eines unbekannten Stoffs im Foyer der Schule. Per Notruf wurde die Leitstelle in Hameln informiert, die daraufhin sowohl den Gefahrgutzug der Feuerwehr Holzminden, als auch zahlreiche Rettungsmittel im Rahmen des Stichworts "Massenanfall von Verletzten - ManV" sowie die Polizei alarmierte.
Während sich Einsatzkräfte und Fahrzeuge des Gefahrgutzuges - wie für solche Lagen geplant - am Gerätehaus Wallstraße sammelten, zusätzliche Ausrüstung verladen sowie die Mannschaft eingeteilt wurde, rückte - ebenfalls wie vorgesehen - der Zugführer des Gefahrgutzuges bereits mit dem KdoW zur Erkundung aus.
Da die Erkundung ergab, dass es sich um eine unbekannte Substanz handelte, wurden sofort der Chemie-Fachberater der Firma Symrise und der ABC-Zug des Landkreises nachalarmiert. Unterdessen trafen bereits zahlreiche Rettungswagen und weitere Einsatzmittel des Rettungsdienstes ein. Die Schüler und Lehrer wurden über die Lautsprecheranlage aufgefordert, in ihren Klassenräumen zu bleiben, da zunächst nicht klar war, welcher Art und welchen Umfangs die Gefahr war.
Nach dem Anrücken des Zuges wurden die Fahrzeuge und Abrollbehälter des Gefahrgutzuges so auf dem Parkplatz aufgestellt, dass die An- und Abfahrtwege des Rettungsdienstes nicht behindert wurden. Da nicht klar war, ob die Gefahrstoffkonzentration möglicherweise zunehmen würde, wurde entschieden, das Gebäude schrittweise und geordnet zu evakuieren. Dazu wurden Atemschutzgeräteträger mit Körperschutz der Form 1 ausgerüstet. Der betroffene Bereich wurde mittels Elektrolüfter belüftet, um für eine Verdünnung des Stoffes zu sorgen.
Aufgrund der großen Zahl von 533 Schülern sowie Lehrkräften entschied der Einsatzleiter, Stadtbrandmeister Manfred Stahlmann, Vollalarm für die Ortsfeuerwehr Holzminden auslösen zu lassen. Um 11.07 Uhr wurde daher auch der erste Zug alarmiert, der im weiteren Verlauf des Einsatzes mit weiteren Atemschutzgeräteträgern unterstützte.
Klasse für Klasse wurden die Schüler und Lehrer durch insgesamt acht Atemschutztrupps auf kürzestem Wege und unter Vermeidung einer weiteren Gefahrstoffexposition nach draußen geführt. Zunächst wurde der naturwissenschaftliche Trakt geräumt, anschließend folgte der Haupttrakt. Der Rettungsdienst nahm eine Vorsichtung vor, die Feuerwehr unterstützte bei der Betreuung der Betroffenen und Verletzten. Die Verletzten wurden in der Turnhalle des Schulzentrums gesammelt, im Verlaufe des Einsatzes unterstützte auch hier die Feuerwehr mit 15 Einsatzkräften.
Zahlreiche Kräfte des Rettungs- und Sanitätsdienstes der Kreise Holzminden und Höxter, der Johanniter-Unfallhilfe (JUH), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) sowie Notfallseelsorger aus den Kreisen Holzminden und Höxter rückten an. Das Stichwort wurde im Einsatzverlauf auf "ManV 3" erhöht.
Mit Rettungsdienstfahrzeugen wurden die betroffenen Schüler zur Sporthalle gebracht, dort erfasst, gesichtet und mit Patientenanhängekarten versehen. Zahlreiche Notärzte, Rettungassistenten und Rettungssanitäter waren mit der Sichtung, Untersuchung und Behandlung der Schülerinnen und Schüler beschäftigt.
Insgesamt 17 Personen mussten per Rettungs- bzw. Krankentransportwagen in die Krankenhäuser Holzminden, Höxter und Hameln gebracht werden. Die übrigen der insgesamt 95 Verletzten wurden ambulant in der Turnhalle behandelt. Eine Betreuungseinheit aus dem Kreis Hameln-Pyrmont sorgte für die Verpflegung der Betroffenen sowie der Einsatzkräfte.
Parallel wurde vom Gefahrgutzug in Zusammenarbeit mit dem ABC-Zug ein Spüreinsatz im gesamten Gebäude durchgeführt. Zwei Trupps unter Chemikalienschutzanzug untersuchten dabei zunächst den Bereich, in dem die Quelle des Gefahrstoffaustritts vermutet wurde. Anschließend wurde der Suchbereich ausgedehnt. Unter anderem ein Photo-Ionisations-Detektor kam hierbei zum Einsatz. Da Verdacht auf einen kriminellen Hintergrund bestand, wurde seitens der Polizei auch die "Tatortermittlungsgruppe Umweltschutz" hinzugezogen, die im gleichen Verfahren vorging.
Während des Spür- und Messeinsatzes standen zahlreiche weitere Atemschutz- und Chemikalienschutzanzugträger bereit. Weitere Atemschutzgeräte wurden durch die Feuerwehrtechnische Zentrale des Landkreises an die Einsatzstelle gebracht.
Aufgrund der großen Zahl von rund 230 Einsatzkräften und des damit verbundenen Koordinationsaufwandes war auch der in Stadtoldendorf stationierte Einsatzleitwagen ELW 2 des Landkreises vor Ort. Am ELW der Feuerwehr Holzminden wurde zudem eine Lagekarte und Einsatzdokumentation geführt, insbesondere während der umfangreichen Evakuierung. Der Rettungsdienst des Landkreises war ebenfalls mit einem ELW 1 vor Ort.
Bei keiner der durchgeführten Messungen konnte jedoch eine schädliche Substanz identifiziert werden, sodass das Gebäude nach Freigabe durch die Polizei umfangreich durch die Feuerwehr belüftetet werden konnte. Dabei kamen neben sämtlichen Lüftern der Ortsfeuerwehr auch zwei weitere Hochleistungslüfter der Werkfeuerwehr Symrise zum Einsatz. Am frühen Abend endete dann ein langer und umfangreicher Einsatz für die Feuerwehr Holzminden.
Vor Ort machten sich auch Landrätin Angela Schürzeberg und Bürgermeister Jürgen Daul ein Bild von der Lage. Die Schulleitung lobte im Nachgang den ruhigen und besonnenen Einsatz. Nur kurze Zeit nach dem Einsatz konnte die Polizei bereits einen Ermittlungserfolg vorweisen. Schülerinnen gaben an, im Foyer ihrer Schule Pfefferspray versprüht zu haben.
Kategorie: Einsätze-Fw-HolzmindenVon: J. Schwingel
- Links:
- Bildergalerie auf TAH.de
- Bildergalerie auf nw-news.de
- Pressemeldung der Polizei
- Bericht und Bilder auf den Seiten der Ortsfeuerwehr Stadtoldendorf
- Weser-Ith-News: Meldung 28.02.2013 - Meldung 01.03.2013
- TAH.de: Meldung 01.03.2013 - Meldung 02.03.2013
- Neue Westfälische: Meldung 01.03.2013 - Meldung 02.03.2013
- Westfalenblatt: Meldung 01.03.2013 - Meldung 02.03.2013
- Niedersachsen 18.00 auf ndr.de (ab 7:31 min)
- Gefahrgutzug Feuerwehr Holzminden










